Wir haben China zum Vorbild

24.01.2010 10:01 Uhr

Alle Welt schimpft momentan über China. Der angedrohte Rückzug von Google hat einen Medienrummel ausgelöst und bewegende Bilder geliefert: Chinesen legen Blumen an das Firmengelände, um sich zu bedanken, dass sich Google gegen chinesische Zensur auflehnt und sich nicht mehr beugen will.

Auch in europäischen Ländern wird viel über Google, China und Zensur diskutiert. Vor allem habe ich in den letzten Tagen viel Negatives darüber gelesen, wie sich China so benehmen kann. Dabei haben wir doch selbst China zum Vorbild. Aber lassen Sie mich kurz ausholen.

Warum zieht sich Google überhaupt zurück?

Sie haben es geschafft, das nicht mitzubekommen? Kein Problem, hier im Schnelldurchlauf:

Google wurde Opfer eines Hacker-Angriffs. Hacker sind durch eine Sicherheitslücke des Internet Explorers (Sicherheitsupdate ist bereits verfügbar) eingedrungen.

Mehr oder weniger offiziell wurde bekannt, dass Spezialisten von Google diesen Angriff zurückverfolgt haben sollen. Diese sind in Taiwan gelandet und haben angeblich Beweise gefunden, dass die chinesische Regierung in diese Angriffe verstrickt sei. Neben Google wurden, laut dieser Beweise, mehr als 30 weitere Firmen angegriffen.

Daraufhin lies Google verlauten, dass sie sich aus China zurückziehen wollen – somit würde nicht nur Google.cn nicht mehr zur Verfügung stehen, es würden auch Arbeitsplätze wegfallen. Google stellt nun u.a. die Bedingung, dass sie die Suchergebnisse in China nicht mehr zensieren müssen.

So reagiert die Welt

Vor allem die Forderung, die Zensur abzuschaffen, hat viele Befürworter in China wie auch im Rest der Welt. Die Leute legen Blumen vor die chinesische Google-Zentrale, um sich zu bedanken. Blogger aus der ganzen Welt griffen das Thema in den vergangenen Tagen auf und es wurde fleißig diskutiert.

Auch die bekannten Verlagshäuser und Magazine berichteten ausführlich: Spiegel Online, Zeit Online, Chip Online, etc.

Warum wir nicht schimpfen dürfen

Bei all dem Rummel vergisst man leicht, dass wir kaum besser sind als die Chinesen. Die Chinesen sind uns einfach nur voraus – wir in Europa hinken hinterher. In nahezu jeder Regierung finden sich Vertreter, die genau dasselbe erreichen wollen und somit China nacheifern- auch wenn sie es niemals zugeben würden.

Einige Beispiele:

  • Das Three-Strikes-Gesetz: In Großbritannien und Frankreich kriegen die Menschen zwischenzeitlich Internetverbot, wenn sie 3 Mal gegen das Urheberrecht verstoßen haben. Besonders lustig dabei: Die französische Regierung hat die Schriftart für das Logo von Three-Strikes von der französischen Telekom geklaut. So viel zum Urheberrecht.
  • Die BKA-Sperrlisten: Ich habe letztes Jahr ausführlich über die BKA-Sperrlisten berichtet. Hier versuchten Regierungsvertreter, allen voran Ursula von der Leyen, Mechanismen zur Internet-Zensur zu schaffen. Das BKA sollte geheime Sperrlisten in MS Excel anfertigen und die Provider sollten die darin gelisteten Webseiten daraufhin sperren. Ursula von der Leyer hat über ein Jahr viel Geld für diese Aktion verschwendet und trägt seitdem in der Internetgemeinde den Spitznamen „Zensursula“.
  • Kinderpornografie als Alibi: Klar, Zensursulas Speerlisten sind gegen Kinderpornografie. Das haben alle Beteiligten immer betont. Warum? Vielleicht weil sie wussten, dass sie so die Stimmen des Volks kriegen. Im Iran war es vor einigen Jahren genauso. Die Leute waren begeistert – endlich die Kinder schützen. Somit wurden Möglichkeiten zur Zensur geschaffen.
    Und heute? Die Iraner können die E-Mail-Dienste von Google und Yahoo! nicht nutzen, Webseiten (vor allem Blogs) die sich kritisch äußern, nicht aufrufen und vieles mehr.
    War abzusehen, dass das ausgenutzt wird, sagen Sie?

Viele Staaten agieren, bewusst oder unbewusst, ähnlich wie die Chinesen. Auch Deutschland scheint nach immer mehr Zensur und Kontrolle zu streben.

Währet den Anfängen.